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Wissenswertes zwischen
Wald und Waidwerk
Auch mit über 90 Jahren denkt Prof. Dr. Helmut Witticke noch lange nicht daran, sein Wissen für sich zu behalten. Mit großer Begeisterung nimmt er seine Zuhörer mit auf eine Reise in vergangene Zeiten und erzählt von den Wäldern, der Forstwirtschaft, den höfischen Traditionen und den Menschen, die das Leben in Schwarzburg-Rudolstadt geprägt haben.
In zwei Vortragsabenden gewährte er spannende Einblicke in die regionale Vergangenheit. Dabei wurde schnell deutlich: Wer Witticke zuhört, bekommt nicht nur Zahlen und Fakten geboten. Es sind vor allem die kleinen Anekdoten und überraschenden Geschichten, die längst vergangene Zeiten wieder lebendig werden lassen.
Der erste Abend stand unter dem Titel „Wälder und Forstwirtschaft in Schwarzburg-Rudolstadt“. Im Mittelpunkt standen die Entwicklung der heimischen Wälder und die Arbeit der Forstleute. Doch neben den fachlichen Informationen gab es auch so manche überraschende Begebenheit aus dem Alltag der damaligen Bevölkerung.
So erfuhren die Besucher, dass es Ende des 19. Jahrhunderts auf dem Tanzsaal in Paulinzella regelmäßig zu Schlägereien zwischen italienischen Gastarbeitern und einheimischen jungen Männern gekommen sein soll. Hinter Begriffen wie Forstwirtschaft und Waldarbeit stehen schließlich Menschen, die hart arbeiteten, zusammenlebten, feierten und manchmal offenbar auch ihre Konflikte auf sehr handfeste Weise austrugen.
Gerade diese Geschichten am Rande machten den Vortrag so kurzweilig.
Beim zweiten Vortrag wurde es besonders spannend. Unter dem Titel „Jagd und Waidwerk der Grafen und Fürsten von Schwarzburg“ widmete sich Prof. Dr. Witticke den Traditionen der einstigen Herrscher und den aufwendigen Methoden ihrer höfischen Pirsch.
Besonders eindrucksvoll war die Schilderung der Lappenjagd. Heute kann man sich kaum vorstellen, welcher Aufwand hinter einer solchen Methode steckte. Mit langen Schnüren und daran befestigten Tüchern, den sogenannten Lappen, wurden große Waldgebiete abgegrenzt. Da das Wild diese ungewohnten Hindernisse mied, ließ es sich gezielt in eine bestimmte Richtung lenken – dorthin, wo die Jäger bereits warteten.
Was aus heutiger Sicht beinahe wie ein ausgeklügeltes Schauspiel wirkt, erforderte damals eine sorgfältige Vorbereitung und das Zusammenspiel zahlreicher Beteiligter. Jeder musste wissen, was zu tun war, damit der aufwendige Ablauf gelang.
Dabei wurde deutlich, dass die herrschaftliche Jagd ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllte. Sie diente der Versorgung mit Wildbret, der Regulierung des Wildbestandes und – je nach Situation – dem Schutz von Wald und landwirtschaftlichen Flächen vor Wildschäden. Für die Grafen und Fürsten war sie darüber hinaus ein Ausdruck ihrer Macht und ihres gesellschaftlichen Ranges.
Große Jagdgesellschaften boten Gelegenheit, hochrangige Gäste zu empfangen, Kontakte zu pflegen und politische wie gesellschaftliche Beziehungen zu festigen. Mit Jägern, Treibern, Helfern, Pferden und Hunden wurde daraus ein aufwendig organisiertes Ereignis, bei dem nichts dem Zufall überlassen werden durfte.



Beim Zuhören konnte man sich lebhaft vorstellen, wie es damals in den Wäldern rund um Schwarzburg-Rudolstadt zuging: Treiber bewegten sich durch das Gelände, Hunde spürten das Wild auf, und die Schützen warteten an den vorgesehenen Plätzen. Ein beeindruckendes Zusammenspiel von Mensch, Tier und Landschaft.Die besondere Stärke beider Abende lag darin, dass Prof. Dr. Helmut Witticke nicht einfach trockene Fakten aneinanderreihte. Mit anschaulichen Schilderungen und interessanten Anekdoten vermittelte er ein lebendiges Bild vergangener Zeiten.Wälder und Waidwerk waren weit mehr als reine Erwerbszweige oder herrschaftliche Vergnügungen. Sie beeinflussten die Arbeit, das gesellschaftliche Leben und die Entwicklung der gesamten Region.Für eine gemütliche Atmosphäre sorgten bei beiden Veranstaltungen Bratwurst und Getränke. So blieb neben den Vorträgen auch Zeit für Gespräche und den persönlichen Austausch.Die beiden Abende haben eindrucksvoll gezeigt, wie viele spannende Details in unserer Heimat verborgen liegen. Man muss nicht weit reisen, um Neues zu entdecken. Oft genügt es, genauer hinzuhören und sich von Menschen berichten zu lassen, die ihr Wissen mit Leidenschaft weitergeben.Dass Prof. Dr. Helmut Witticke dies auch mit über 90 Jahren tut, macht diese Vortragsreihe besonders bemerkenswert. Seine Erzählungen schlagen eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zeigen, wie wertvoll es ist, das Wissen über unsere Region zu bewahren und an kommende Generationen weiterzugeben.
